Alex De Pase: Visionen und Realismus aus Italien |
Der Italiener Alex DePase ist dank der Qualität seiner Arbeiten und seines einprägsamen persönlichen Tätowierstils auch hierzulande vielen ein Begriff. Kaum ein Tätowierer bietet eine so klar differenzierte duale Spezialisierung, was den Stil der Arbeiten angeht. Da ist auf der einen Seite die Fähigkeit, in höchstem Grade realistisch zu arbeiten, auf der anderen Seite die Gabe, seine persönlichen Visionen – die er auch treffend "Personal Vision" betitelt – in einem optisch klar vom Realismus trennbaren Stil umzusetzen. Alex arbeitet hauptsächlich in seinem Studio auf Grado, einer Insel nahe Venedig, ist aber auch häufig auf deutschen Conventions anzutreffen. Alex, wie ist Dein Interesse an Tattoos geweckt worden? Ich habe mich immer für jede Art von künstlerischer Tätigkeit interessiert. Schon als Kind habe ich angefangen, zu malen und zu zeichnen. „Meinen Weg" habe schliesslich 1990 gefunden, da war ich 15 und traf einen Typen, der verschiedene selbstgestochene Tattoos trug. Davon war ich so begeistert, daß ich beschlossen habe, es selbst zu probieren. Und das war der Beginn einer neuen, aufregenden Erfahrung. Du sagst, du fingst mit 15 als Autodidakt an. Das ist sehr jung, wobei wahrscheinlich die meisten Tätowierkünstler ihre Karriere mit geheimen Selbst-Experimenten und recht zweifelhaftem Equipment beginnen. Erzählst du mir ein bischen mehr über die Anfänge? Woher bekamst du Informationen oder Equipment? Wie haben Deine Eltern reagiert? Meine ersten Versuche startete ich mit 15, aber ich hatte keine Ahnung, daß es mal meine Arbeit sein könnte. Aber seit der Zeit habe ich nie aufgehört zu tätowieren. Mein erstes rudimentäres Equipment bastelte ich aus einem Rasierapparat, und davor nahm ich andere selbstgebaute Werkzeuge (zB die kleinen Rohre aus Kulis). Seit der Zeit habe ich mich ständig in Eigenregie mit dem Studium des Zeichnens und der Verbesserung der technik gewidmet, ohne Kurse oder einen Lehrer dauerte es lange Zeit. Ich habe in Italien, Europa und Amerika studiert. Als ich sah, daß bald grosse Nachfrage herrschte und ich meine gesamte Freizeit über beschäftigt war, wurde mir klar, daß der Zeitpunkt gekommen war, trotz Millionen von Zweifeln ein eigenes Studio zu eröffnen. Aber meine Entschlossenheit brachte mich auf den richtigen Weg. Meine Eltern haben sich nie gegen meine Liebe zu Tattoos gestellt, aber gleichzeitig auch nie geglaubt, daß meine Vorliebe zu einem Job fürs Leben werden könnte. Die Kooperationsbereitschaft innerhalb der Tattooszene ist von Land zu Land verschieden. Wie ist das in Italien? Hattest du Tätowierer, die dich unterstützt haben? Es gibt bis jetzt definitiv wenig Kooperation unter Tätowierern in Italien, aber es herrscht ein gewisser gegenseitiger Respekt untereinander. Du hast 1997 Dein erstes Studio eröffnet, und mußtest sehr bald in ein grösseres umziehen. Du arbeitest in Grado in der Nähe von Venedig. Hat der Tourismus irgendwelche Auswirkungen auf Deine Karriere oder Deine Menge an Arbeit gehabt? In einem Touristenviertel zu leben- selbst in einem kleinen-bringt mit Sicherheit einige Vorteile, gerade wenn man anfängt, zum Beispiel was Mundpropaganda und Werbung angeht. Allerdings kann ich nicht allzuviel Zeit auf Touristen verwenden, weil ich eine so lange Warteliste habe. Grado hat eine hochromantische Vergangenheit, Piraten, verschiedene Besatzer, alles was du willst. Glaubst du, du hättest an einem anderen Ort genauso kreativ sein können? Piraten? Ich kenne keine Geschichten über Piraten. Egal, obwohl Grado eine bemerkenswerte und romantische Insel ist, glaube ich nicht, daß das einen grossen Einfluss auf meine Kreativität hatte. Inspiration ist etwas, was von innen kommt, während Fähigkeiten aus Erfahrung entstehen. Tja, ich gebe zu, die Piraten-Sache habe ich in einem Reiseführer gefunden ;-). Ich stimme dir zu, das Inspiration von innen kommt, aber ich glaube, je mehr wir wissen, desto mehr erkennen wir wieder und können es uns deshalb auf verschiedene Weise vorstellen. Von einer langen Tradition von Schönheit umgeben zu sein oder den Zugang zu Wissen zu haben, vergrössert mit Sicherheit die Fähigkeit, neues zu erschaffen, meinst du nicht? Ja, alles kann die Phantasie anregen, angefangen mit dem, was du siehst über die Gefühle, die du hast, wenn du Musik hörst und so weiter. Aber das Ergebnis ist glaube ich immer die Frucht einer unbewussten geistigen Ausarbeitung. Ich glaube, daß ein Künstler deshalb zeichnet, malt, Musik macht oder was auch immer, weil es sein Weg ist, seine Persönlichkeit auszudrücken. Selbst in einem geschlossenen Raum ohne jeden Kontakt zur Aussenwelt wird er das Bedürfnis haben, sich auf seine Art und Weise auszudrücken, das gilt zumindest für mich. Zurück zu Deiner Kunst: Das erste, was mir beim Betrachten Deiner Galerie ins Auge fiel, war nicht nur der sehr hohe Standard Deiner Arbeit, sondern auch der stilistische Unterschied zwischen Deinen realistischen Sachen und dem reduzierteren, modernen, manchmal kubistischen Stil dessen, was du „Personal Vision" nennst. Ist es schwierig, zwischen den Stilrichtungen zu wechseln, sich von dem Ziel zu befreien, grössten Realismus anzustreben und es statt dessen simpel zu machen? Eigentlich nicht. Was ich "Personal Vision" nenne, ist meine persönliche Art, Bilder wiederzugeben. Es ist ein Ergebnis eines künstlerischen Sammelns in Verbindung mit dem Realismus. Diese beiden Stilrichtungen sind -auch wenn es nicht so scheint- in Wirklichkeit miteinander verbunden, oder eher gesagt, die eine ist eine Weiterentwicklung der anderen. Wir könnten den Realismus als mein fortgesetztes Training für die Entwicklung meines persönlichen Stils bezeichnen. Je mehr sich mein Gefühl für das Einfangen von Details, Licht und Schatten, das Spiel mit den Farben usw. vergrössert, wenn ich realistisch arbeite, desto mehr wird die freie künstlerische Arbeit zur Umsetzung meiner Gefühle und Ausdruckskraft in Bildern. Haben diese Stilrichtungen immer nebeneinander existiert, wie die Fähigkeit, etwas zu skizzieren oder aber fein und detailliert zu malen? Oder ist Deine „Personal Vision" etwas, was sich beim Arbeiten entwickelt? Fühlt es sich anders an, wenn du etwas in Deinem Stil tätowierst, der nicht durch die strengen Grenzen der Realität eingeschränkt ist? Was sich ändert ist die Planung und Entwicklung von Darstellungen. Wenn ich realistische Darstllungen mache, verwende ich viel Zeit darauf, jeden Bereich einer Fotografie zu studieren und zu analysieren. Das Tattoo selbst ist dann eine direkte Umsetzung der Fotografie ohne vorhergehende Skizzen. Wenn ich aber "Personal-Vision"-Tattoos mache, ist es sehr wichtig, vorher ausgiebig mit dem Kunden darüber zu reden, um genau verstehen zu können, was er ausdrücken will, um seinen Charakter und seine Gefühle kennenzulernen. Nach dem Gespräch suche ich nach Formen, die unsere Ideen ausdrücken könnten. (Normalerweise vergehen zwei Monate seit dem Gespräch). Dann arbeite ich eine Skizze aus, die dann die Grundlage für die Tätowierung wird. Wer sich die fertige Arbeit anguckt, wird es vielleicht für seltsame Zeichnungen halten, die von abstakt bis surrealistisch gehen, aber jedes Bild, jede Linie oder Farbwahl haben ihre spezielle Bedeutung für den Träger. Mein Ziel ist es, diese Art von Tattoos zu machen, und bis dahin ist es ein steter Anreiz, aber auch immer eine Herausforderung, realistische Bilder wiederzugeben. Wenn Du etwas auf sehr realistische Weise darzustellen versuchst, ist es manchmal nur ein sehr kleiner Schritt von einem lebendigen Bild zu etwas, was statisch und überzeichnet ist. Ich nehme an, Du weißt, was ich meine. Hast Du manchmal Schwierigkeiten, den Punkt zu finden, an dem Du aufhören musst? Das stimmt, es ist schwierig, den Punkt zum Aufhören zu finden, wir können ewig weitermachen auf der Suche nach verborgenen Details, aber meistens geht den Kunden vorher das Geld aus ;) Nee, war nur Spass. Ich weiß genau, was du meinst. Da wir gerade von Kunden reden: Gibt es einen typischen „Realistic-Kunden" oder „Personal-Vision-Kunden"? Gibt es charakteristische Unterschiede? Es sind die Leute scharf auf realistische Tattoos, die sich ein Portraits von Personen oder Tieren stechen lassen wollen, die ihnen nahe stehen, und die deshalb vornehmlich den Ausdruck des Fotos verlangen. Auf der anderen Seite sind die Kunden, die "personal-Visions-Tattoos" von mir haben möchten, Leute, die ein abstraktes Konzept ausdrücken wollen und nach einem Weg suchen, wie es dargestellt werden kann. Die Mehrzahl der Leute, die sich tätowieren lassen wollen, wollen damit etwas sagen oder kommunizieren. Durch eine symbolische oder persönliche Bildsprache kann diese Sorte Kunden den besten Weg finden, Gefühle oder Ideen auszudrücken. Das befriedigendste an diesem Stil ist, daß Kunden mir keine Skizzen oder präzisen Vorstellungen mitbringen, sie erzählen mir nur die Geschichte dahinter und geben mir Carte Blanche für eine freie Interpretation. Wir haben bald 2007. Hast Du irgendwelche künstlerischen Ziele für das nächste Jahr? Gibt es etwas, was Du gerne machen würdest? Ich werde in 2007 auf vielen Conventions arbeiten, zB in Frankfurt, Rom, Evian, Paris usw. Ausserdem werde ich in ein paar Studios als Gast arbeiten und plane ein Projekt mit einer Ausstellung zu meinen Bildern und Tätowierung. Meine Arbeiten werden Teil eines Buches sein, das sich mit verschiedenen Tätowierstilen beschäftigt- darunter eben auch meinem, und das in Dänemark, danach in England und vielleicht in ganz Europa erscheinen wird. Vielen Dank für das Interview, alles Gute für Dich und Deine Familie und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Danke auch und die besten Wünsche! Interview und Übersetzung: Mia Walter
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